Motorrad-Abenteuer in Südchina und Tibet

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Nachdem ich die irren Aufnahmen von Bernd von seiner Fahrt von München nach China gesehen habe, stand für mich fest, das will ich auch machen. Wir haben eine Tour bei Tibetmoto gebucht mit Miet-BMWs, dabei fahren wir ca 3000 km durch Südchina und Tibet und erklimmen Höhen von bis zu 4.600 m. Im Frühjahr 2019 ist es endlich so weit, die Koffer sind gepackt und wir fliegen nach China.

Für jemand, der gerne seine Reiseeindrücke niederschreibt, ist es eine große Herausforderung, eine Tour durch Südchina-Tibet auf wenige Leseminuten zu extrahieren. Es kann sich dabei nur um eine Aneindanderreihung von besonderen Momenten handeln, wobei der Leser jedoch am Ende Hinweise auf den ganzen Bericht und die Streckenkarte findet.

Vom Startpunkt Dali aus tauchen wir ein in die bergwärts führende kurvenreiche Straße und testen die ersten Eigenschaften und das Kurvenverhalten unserer Miet-BMW’s. Am Mittag erreichen wir Shaxi, eine uralte Stadt, die an der alten Teehandelsstraße liegt und mit 500 Jahren alten Holzhäusern aufwartet. Ein Hotel mit absolut liebevoll hergerichtetem Innenhof und hoher Mauer nach außen erwartet uns. Das hilft alles nichts, wenn man den Koffer zwei Stockwerke hochtragen muss, denn in 3.500m Höhe keucht man da ganz ordentlich.

Ein wunderbarer Morgen bricht an und wir machen uns auf in Richtung Treffpunkt Tigersprungschlucht. „Free Riding“ ist angesagt (einer der großen Vorteile bei Tibetmoto), das bedeutet jeder fährt sein Ding und man trifft sich an vorher vereinbarten Punkten. Vom Parkplatz des Touristencenters an der Tigersprungschlucht biegen wir nach rechts ab, wo ein relativ kleiner Tunnel den großen Bussen den Weg versperrt. Am Ende des Tunnels wird es schon fantastisch. An der Bergflanke entlang schlängelt sich die kurvenreiche Straße auf der linken Seite über dem Fluss und rechts recken sich senkrecht die 5.000er empor – ein erhebender Anblick. Über uns die knallheiße Sonne und unter uns der Yangtze, dessen gewaltige Wassermassen und deren Tosen einen Eindruck davon geben, welche Kraft Wasser erzeugen kann. Die Straße selbst ist, sagen wir mal, einfach und
rustikal. Leitplanken und dergleichen braucht man bei chinesischen Bergstraßen nicht immer oder nur selten. Dafür grüßen uns etliche kindskopfgroße Schlaglöcher, die es zu umfahren gilt, und zwar möglichst dann, wenn kein LKW entgegenkommt.

Nach ca. 20 km öffnet sich das Tal in eine weite Ebene, dir wir durchqueren, um auf ca. 3.700 zu klettern. Die kaum befahrene Straße führt durch die Dörfer der Naxi und Lisu und wir fahren selten eine Gerade, die 100 Meter überschreitet. Die kurvige Strecke führt uns zu den Weißwasserterrassen, dem Geburtsort der vom Verschwinden bedrohten Dongba-Religion. Weiter geht es nach Shangri-la, welches uns mit bitterkalten Temperaturen empfing. Man darf bei dieser, auf 3.000 m gelegene Stadt, nicht vergessen, dass diese Höhe ein eigenes Wetter prägt. Scheint tagsüber die Sonne, ist es zum Teil heiß, aber sobald die Sonne untergeht stürzen die Temperaturen ab.

Von Shangri-la geht es kurz am Mekong entlang durch das 3.000m hoch gelegene Grasland und dann geht’s abwärts. Weit über 1.000m Höhenunterschied zum Shangri-la Plateau und wir kommen im subtropischen Klima der Region Weixi an. Unterwegs düsen wir 60 km auf einer Straße, die unsere gesamte Fahr-Leidenschaft stillt. Was für eine unglaubliche Herausforderung, die deshalb so fantastisch ist, weil wir „bei uns“ möglicherweise mal 10 km bis 15 km solcher Kurvenstrecken am Stück vorfinden.

Am Ende des Tages fahren wir zunächst 15 km steil auf einer asphaltierten Straße bergauf immer den Mekong links von uns liegen lassend und mit beeindruckenden Ausblicken, um dann aber links abzubiegen und sich auf eine Off-Road Strecke, die zu einem kleinen tibetanischen Bergdorf führt, zu begeben. Jetzt heißt es, die langsame Fahrt beizubehalten, in den Kehren den Po mal hochheben und entgegen der Fahrtrichtung zu drehen und sich nicht vom phantastischen Ausblick einlullen zu lassen. Die zum Teil durchaus steile „Natur-Strecke“ ist wirklich nicht gefährlich aber bedarf der Aufmerksamkeit.

So vielversprechend der nächste Tag mit dem Wetter begann, so abrupt änderte es sich auch. Wir fuhren zunächst das Tal weiter entlang, um dann einen 4.300m Pass (Pass of the White Horse) zu erklettern der uns sozusagen „inside the Himalayas“ führte. Über die Passhöhe hinweg sollte es zu einer der spektakulären Yangtze-Schleifen gehen, jedoch endete unsere geplante Strecke an anderer Stelle, da Schnee die Straße absolut versperrte. Kein Durchkommen, absolut nicht. Ein Schneebrett von ca. 50 m Breite aber auch ca. 60 cm Höhe zeigte uns unsere Grenzen auf. So mussten wir kehrt machen, ein paar Kilometer zurückfahren und den auf 4.000m gelegenen neu gebauten Tunnel nehmen. Und danach begann eine Wahnsinnsabfahrt zum Yangtze Tal.

Kehre auf Kehre, eine voll ausgebaute Straße, der Road Captain nicht zu sehen, hie und da die Geschwindigkeitsbegrenzung vergessen und sich dem Genuss dieser irren Abfahrt auf etwas über 3.000 m hinzugeben. Am Ende des Tages wartete noch eine ziemlich enge, vor allem aber heiße Schlucht auf uns und wir landeten in der Derong Region.

Ja es stimmt, wir wurden zu Tagesbeginn von unserem Tourguide gewarnt, denn er wies uns deutlich darauf hin, dass wir alles Warme, was wir haben, anziehen sollen. Wir brechen auf und bleiben zunächst auf 4.000 m Höhe, um über ein schier endloses Hochplateau zu fahren, welches sich mehr als 100 km lang erstreckt. Was uns einfach nicht bewusst war, sind die in diesen Höhen herrschenden Temperaturen. Da es ein sonniger Tag war gönnte uns der Wettergott satte 2° plus.

Nach 10 Minuten waren meine Finger steif, nach 20 Minuten dachte ich, es geht nicht mehr nach einer halben Stunde wurde eine Pause eingelegt, weil alle das gleiche Problem wie ich hatten und insbesondere unsere mitfahrenden Frauen aus dem Zittern nicht mehr herauskamen, denn es war einfach rattenkalt und der Wind tat sein Übriges. Dann ein erneuter Anstieg und es begann zu schneien. Oben angekommen machen wir noch ein schönes Bild mit Eiszapfen, werfen unsere Gebetszettel in die Luft und denken darüber nach, ob die unübersehbare Anzahl dieser Gebetsfahnen von all jenen Menschen angebracht wurden, die dem Straßenverkehr, der einem die Haare zu Berge stehen lässt, entkommen sind.

Es folgte eine sehr, sehr lange Abfahrt und es wurde tatsächlich auch etwas wärmer – Kilometer für Kilometer. Die Hände entspannten sich, man konnte die Finger wieder reiben und der ganze Körper sog quasi die ankommende Wärme in sich auf. Zum Abschluss gelangten wir in ein enges Tal, welches uns nochmals eine steile und kurvenreiche Abfahrt, allerdings auf einer stark befahrenen Straße, bescherte und am Ende der Etappe erreichten wir Yajiang. Die Abfahrt selbst ist ein Ereignis. Es ist eine enge Passstraße, die in eine immer schmaler werdende Schlucht führt und am Ufer des einen Flusses endet, der dann nach Yajiang fließt. Die Pass-Straße zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass jeder, der eineinhalb Kilometer schneller als andere fährt, bergauf völlig schmerzbefreit überholt. Weiter geht es und zunächst „reiten“ wir durch das tibetanische Grasland, um über die 4.300m hoch gelegene Passhöhe nach Kangding zu „driven“.

Und von da wieder einmal bergab. Zwar erhaschen wir noch einen tollen Blick auf den rechts liegenden Mt. Gongga, dem mit über 7.000 m der höchste Berg der Region ist, jedoch wird während der Abfahrt nach Moxi schon deutlich, dass wir uns in einem „anderen“ China befinden. Zum einen wird es von Meter zu Meter fallender Höhe wärmer, es ändert sich die Landschaft, die Berghänge und Täler stehen in sattem Grün. Abends kommen wir in Moxi an, einer Stadt, die sich mit wunderschönen Holzfassaden schmückt.

Ziel des nächsten Tages ist der auf 2.700m gelegene Lugu Lake. Vor traumhafter Kulisse beziehen wir ein Hotel am See und tummeln uns vor dem Abendessen am Strand. Gleißendes Sonnenlicht weckte mich morgens in meinem Zimmer mit Blick auf den See. Ich muss mich kneifen, um herauszufinden, ob ich ein schönes Video über diesen Höhensee sehe oder der Anblick real ist. Er ist es.

Wir starten am frühen Morgen und fahren am See entlang auf einer kurvenreichen Straße, die rechter Hand vom Lugu Lake begleitet wird und die sich langsam Kurve für Kurve auf 4.000 m Höhe emporschraubt.

Wir nähern uns wieder dem Yangtze River und einem weiteren Highlight der Tour. Die Gegend um den hier azurblauen Fluss war nicht immer so friedlich. Um solchen Widrigkeiten zu entgehen, bauten die Menschen ein Dorf hoch auf den Felsen über dem Fluss. Es zu erreichen war damals wie heute nicht einfach. Wir nehmen eine Off-Road Piste bis zum Dorfrand, wo Endstation ist. Es gibt keine Straße mehr, sondern nur noch enge und engste Treppen. Transport nur mittels Pferd vom Klopapier bis zum Baumaterial, jedoch unglaubliche Eindrücke vom Leben der Menschen.

Es geht (leider) am nächsten Morgen in Richtung Ziel. Eine kurze Fahrt nur nach Lijiang, wobei die durchaus fruchtbare dunkelbraune Erde uns links und rechts der Straße begleitet. Bereits mittags erreichen wir die von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestufte Altstadt von Lijiang. Unendliches Glück, dass der Menschheit diese Altstadt erhalten geblieben ist. Unendliches Unglück, dass so viele davon wissen. Hier ist der Teufel los.

Ein letztes Highlight zum Abschluss. Eine der weiten und guten Straßen mit langgezogenen Kurven aber auch engen Kehren lies nochmals dieses Hochgefühl des Bikens in uns aufkommen und dann, ja dann war Schluss. Der Willkommensszene von Frau und Kind unseres Road Captains Hendrik folgten Abschiedsszenen von Menschen, die eine tolle Motorradtour gemeinsam genießen durften, die bei aller Ungleichheit gut harmonierten, die aufeinander Rücksicht nahmen und sowohl miteinander lachten, als auch übereinander lachten konnten. Jede/r war anders aber alle zusammen waren wir klasse (jetzt übertreibe ich wohl etwas).

Den ganzen Bericht und weitere Fotos findet ihr unter http://bmw-touren.bike/category/china