Korsika – Berge und Kurven, mitten im Meer

Veröffentlicht von
Piep, Piep, Piep, 6.00 Uhr. Oh man, dieser sch…. Wecker. Ich bin noch platt und müde. Der Gedanke einfach liegen zu bleiben ist verlockend. Aber die Vorfreude auf Korsika ist größer. Korsika, dieses Potpourri aus Bergen, wilden Landschaften und unzähligen Kurven mitten im Meer. Also raus aus den Federn.

Dann mal los, zwei Tage bis zur Fähre

Die Katzenwäsche ist schnell erledigt und nach ein paar Schlucken Kaffee kehren auch die Lebensgeister langsam zurück. Rasch den Tiger aus der Garage geholt, die Koffer beladen und die Gepäckrolle verzurrt. Navi in der Halterung, Tankrucksack an seinen Platz, Kaffeemaschine aus und Haustüre abgeschlossen. Kann eigentlich los gehen. Halt! Weltsozia noch aufsitzen lassen. Fertig! Nach wenigen Stunden ist die Schweiz und die Grenze nach Liechtenstein erreicht. Direkt am Grenzübergang sehe ich gerade noch meinen Freund Douwe vorbeifahren, der ein paar Tage am Glaspass verbracht hat. Schon komisch, wir haben es das ganze Jahr nicht geschafft zusammen zu fahren oder uns mal zu treffen, aber hier begegnet man sich. Das muss sich irgendwie ändern. Bei einsetzendem Regen erreichten wir unser Etappenziel in Lenzerheide und beendeten den Tag mit einem leckeren Abendessen in einem gemütlichen Restaurant. Beim Blick auf die Rechnung wurde uns schlagartig bewusst, wo wir sind. An die Preise in der Schweiz werde ich mich wohl nie gewöhnen.

Pässe im Schnee und Palmen am Comer See

Der Regen hatte sich verzogen und gab den Blick auf die mit frischem Schnee bepuderten Berge rundherum frei. Die Straße am Splügen war Gott sei Dank geräumt und so war die Fahrt bis zum Comer See ein Kinderspiel und schnell erledigt. Mit jedem Meter, den die Fähre südwärts über den See fuhr, wurde es wärmer und sonniger. Nach der Ankunft in Bellagio wurde dann auch erstmal die Goretex-Pelle abgestreift und in den Packbeuteln verstaut. Hier sollten sie bis zur Heimkehr auch bleiben. Von Bellagio aus ging es am von Palmen gesäumten Ufer des Sees entlang bis Como. Da die jetzt vor uns liegende Strecke bis zur Fähre in Savona nicht gerade zu den besten Motorradstrecken zählt entschlossen wir uns, die Autobahn zu nutzen. Also ab durch die Mitte.

Verspätung und eine stürmische Überfahrt

Der etwas trostlose Fährhafen von Savona war am frühen Abend erreicht und wir machten es uns auf der Terrasse einer kleinen Bar im Hafen gemütlich. Natürlich mit Blick auf das bepackte Motorrad. Irgendwie war es aber komisch, die Zeit schritt voran und von der Fähre war weit und breit nichts zu sehen. Also mal nachgefragt. Wegen eines Sturmes über Korsika konnte die Fähre erst mit erheblicher Verspätung ablegen. Ankunft noch offen. Na Klasse! Das wird mit der Abfahrt um 23:00 Uhr wohl nix. Als die Fähre jedoch gegen 23:30 Uhr anlegt ging es sehr fix und um 1:00 Uhr hieß es „Leinen los“. Das vorangegangene Verladen der Motorräder hinterließ ein leichtes Magenkrummeln. Die „Verzurrkünste“ der italienischen Deckarbeiter bestanden aus einem alten Spanngurt, der an einer Fußraste und an einem Rohr der Bordwand verknotet wurde. Wenn das mal gut geht. Ein schnelles, aber kaltes Bier später ging es in die Koje.

Was für eine Nacht

Der Seegang und das Rollen der Fähre sorgten für eine unruhige Nacht und trieben mich vor Sonnenaufgang aus dem Bett. Wir kreuzten bereits vor Korsika mit immer noch starkem Wind und warteten auf die Ankunft des Lotsen, der uns in den Hafen bringen sollte. Nach dem Einlaufen warteten alle Motorradfahrer vor dem Zugang zum Fahrzeugdeck auf dessen Öffnung. Wie wird es da unten aussehen? Nach dem Seegang und den faktisch nicht verzurrten Bikes? Aber die Sorge war unbegründet, die Motorräder standen alle unbeschädigt, wo sie hingehörten. Nach dem Entladen der Fähre, was in Verbindung mit 2 weiteren Fähren zu einem heillosen Chaos im Hafen führte, ging es zunächst nordwärts.

Cap Corse

Wir hatten als Stützpunkt für die nächsten Tage ein kleines Apartment unweit der Altstadt von Corte gebucht. Angesichts der frühen Morgenstunde beschlossen wir nicht direkt nach Corte zu fahren und einen paar Kurven Umweg über Cap Corse zu nehmen. Vorbei an den zahllosen Genuesertürmen, die auf der Insel entlang der Küstenlinie stehen, ging es zunächst auf der Ostseite Richtung Cap. Der Wind war hier immer noch böig und wir wurden Zeuge eines Umfallers einer BMW GS, die der Wind vom Seitenständer kippte während der Fahrer ein paar Fotos machte. Kaum war das Cap umrundet wurde der Wind wieder heftiger und so musste ich das ein oder andere Mal das Motorrad Richtung Felswand drücken, um nicht mit der ganzen Fuhre über die Klippen geweht zu werden. Die Straßenführung orientiert sich hier exakt an der Küstenlinie und besitzt großes Schwindelpotenzial. Der weitere Weg Richtung Corte führte uns durch ausgebrannte Täler. Überbleibsel der hier vor wenigen Wochen wütenden Waldbrände.

Restonica

Den Abend verbrachten wir in der gemütlichen Altstadt von Corte bei Wein und leckeren korsischen Spezialitäten. Nachdem sich auch der Wind endlich beruhigt hatte, schien am nächsten Morgen die Sonne von einem stahlblauen Himmel und trieb uns früh aus dem Bett. Da die Unterkunft am Eingang des Restonica-Tals liegt, konnte der Motorradtag direkt vor der Haustüre beginnen. Dieses Stichtal windet sich auf knapp 1.200 m durch Kiefernwälder und Felsen empor und wartet am Ende mit kleinen Seen und einem Wasserfall. Angesichts des hierfür erforderlichen Fußmarsches haben wir uns dieses Highlight geschenkt und das Motorrad kurzerhand gewendet. Über eine kurvenreiche Strecke, die auf ganz Korsika mit einem unglaublichen Grip gesegnet sind, ging es Richtung Asco-Tal.

Asco

Das Tal windet sich an schroffen Felsen und einer tiefen Schlucht bergan und endet auf 1.300 m in Haut-Asco, wo sich noch die Reste eines Ski-Lifts bewundern lassen. Auf dem Rückweg haben wir noch in dem Bergdorf Asco angehalten um leckere Crepes aus Kastanienmehl, belegt mit herzhaftem Speck und Käse zu genießen. Das kleine Lokal hat Tische und Stühle quasi mitten auf der Straße platziert und bietet während des Essens einen fantastischen Ausblick über das Tal. Nach der Stärkung ging es flotten Rittes zurück nach Corte. Der Place Pascale Paoli lag in der Abendsonne und in Verbindung mit einem Glas gekühlten Rose ein idealer Platz, um den Tag ausklingen zu lassen. Wenn es einen Himmel für Motorradfahrer geben sollte, dann ist der sicher auf Korsika.

Col de Vergio und Spelunca-Schlucht

Hatte ich gedacht gestern wäre der Knaller, dann weiß ich nicht wie ich diesen Tag beschreiben soll? Der Col de Vergio ist mit knapp 1.500 m der höchste Pass auf Korsika. Die Fahrt dahin war, um es kurz zu machen, traumhaft schön. Ging es zunächst durch einen wilden Canyon, folgten Kiefernwälder, in denen die korsischen Schweine am Wegesrand lagen oder fraßen. Kaum war die Passhöhe überquert, folgten Kastanienwälder und die atemberaubende Schlucht von Spelunca. Ein absoluter Knaller, mit Eindrücken, die man auf einem Bild nicht wiedergeben kann. In Porto, einem Städtchen mit einem malerischen Naturhafen, haben wir spontan die Straße nach Osani gewählt. Diese Wahl wurde mit einer großartigen Strecke und gefühlten tausend Kurven belohnt. Hier konnten die Reifen ihre Haftung auf den Flanken beweisen. Zurück nach Porto ging es über die beeindruckende Felslandschaft der Chalanche zum Ziel der nächsten drei Tage in der Nähe von Ajaccio.

Das Umland von Ajaccio

Die folgenden Tage waren der Entspannung gewidmet und die Touren ins Umland von Ajaccio hatten nur moderate Kilometerstände. Kleine Bergsträßchen durch Eukalyptuswälder und fantastische Ausblicke über die Bucht von Ajaccio wollten genossen werden. Daneben sorgten die Grabungsstätte in Filitosa oder auch der Col de Gradella für Abwechslung. Dabei waren die einsamen Landstraßen gesäumt von Zeugnissen des Nationalsports der Korsen. Dem Schießen auf unbewegliche Ziele in Form von Verkehrsschildern. Außerhalb der Ortschaften gab es nicht ein Schild, das nicht durchlöchert war. Merkwürdiger Nationalstolz.

Col St. Eustache – Ein Geheimtipp

Alle Touren dieser Tage hatten eine Gemeinsamkeit: Den Col St. Eustache! Dabei handelt es sich um eine rote Granitlandschaft, deren Ausblicke und Streckenführung ihresgleichen sucht. Die 20 km zu beiden Seiten der Passhöhe hatten es auf jeden Fall in sich und hinterließen deutliche Spuren an Stiefeln und Fußrasten. Komischerweise sind der Col und die Gegend rundherum in keinem unserer Reiseführer beschrieben. Muss also ein Geheimtipp sein.

Die Westalpen – Genialer Heimweg

Nachdem wir noch ein paar Tage auf der Insel gebummelt hatten, sollte es über die Westalpen Richtung Heimat gehen. Die Überfahrt nach Nizza verging angesichts des Sonnenscheins und bequemer Liegestühle wie im Flug. Das Ausladen ging zwar recht zügig, dafür dauerte es etwas bis der Fährhafen uns in den Stadtverkehr von Nizza entließ. Also nix wie raus aus der Stadt und Richtung Piemont. Angesichts der fortschreitenden Uhrzeit liesen wir den Col de Turini, den geweihten Boden der Rallye Monte Carlo, aus. Allerdings entschädigte uns die alternative Route über den Col de Braus voll und ganz. Die Route führte uns dann über Sospel und den Col de Bruis durch eine wilde Schluchtenlandschaft Richtung Limone. Da der Col de Tende von französischer Seite gesperrt ist, blieb nur der Tunnel. Aber ein Highlight sollte auf der anderen Seite folgen. Es galt nur noch schnell das Gepäck in der anvisierten Unterkunft abzulegen.

Blaue Stunde auf dem Tende/Tenda

Von der italienischen Seite ist der Pass befahrbar. Die Straße, zum Teil auf Schotter, vorbei am Einstieg zur Ligurischen Grenzkammstraße zum Fort Central. Das Fort Central liegt in 1.900 m und ist eines der unzähligen Zeugnisse militärischen Wahnsinns vergangener Tage. Das restliche Licht der untergegangenen Sonne verbreitete eine einzigartige Stimmung. Die blaue Stunde war auch Dank der klaren Luft unbeschreiblich. Bevor jedoch endgültig die Dunkelheit die Oberhand gewann, ging es flott hinab. Im Albergo warteten schon ein leckeres Abendessen, Wein und ein knisterndes Kaminfeuer.

Schon lange auf den Wunschzettel – der Col d Angel

Der nächste Morgen erwartete uns sonnig und frisch, wir hatten immerhin bereits den 21. September, mit prickelnder Luft wie ein feiner Prosecco. Auf dem Weg zu unserem nächsten Etappenziel sollte der Col d Angel unter die Räder genommen werden. Mit der Frage unserer Wirtin, ob ich überhaupt wüsste, wie hoch der Pass sei und wie kalt es da oben um die Zeit wäre, wurden wir aus ihrer Obhut entlassen. Natürlich nicht ohne ein kleines Gebet und ihren besten Segenswünschen. Der Col d Agnel/Colle del Angelo ist mit 2.744 m der höchste grenzüberschreitende Pass der Alpen. Auf der Passhöhe genossen wir bei herrlichem Sonnenschein und einer Vesper das umliegende Panorama. Kaum ein paar Gänge geschaltet, wartete der Col d’Izoard auf uns. Noch unter den Eindrücken der Casse Desert, mit ihren bizarren Felsnadeln und den Geröllfeldern, erreichten wir kurz darauf das Refuge Napoleon. Leider war kein Zimmer frei, also weiter. In Briancon wurden wir mit einer kleinen Auberge belohnt. Von der Terrasse blickt man über Briancon und der Inhaber kocht nicht nur selbst, sondern auch mit der Empfehlung des Gaults Millau.

Pässe und nochmals Pässe – Westalpen kompakt

Bei stahlblauem Himmel und frischer Luft warteten noch ein paar echte Highlights auf uns. Den Col du Lautaret quasi im Vorbeiflug mitgenommen, ging es schon weiter zu einem der schönsten Pässe der Alpen. Dem Col du Galibier, unser absoluter Favorit. Im Refuge unterhalb des Passes kurz einen Kaffee eingeworfen stürzten wir uns schon wieder talwärts. Es folgten Schlag auf Schlag Col du Telegraphe, Col de L’Iseran und Col du Petit Saint Bernard. Beim Abstieg ins Aosta-Tal beschlossen wir, einen Abstecher nach Courmayeur zu machen und die italienische Seite des Mont Blanc zu bestaunen. Am Ende des Tages wies das Navi alles in allem 10.100 Höhenmeter bergauf und 11.000 Höhenmeter bergab aus. Und das bei knapp 300 km.

Schwarzwald und dann nix wie nach Hause

Beim Abendessen in Aosta überlegten wir die weitere Route. Weiter durch die Schweiz? Richtung Comer See? Südtirol? Nach zwei Wochen des Vagabundierens und angesichts der Preise in der Schweiz, die wir mindestens zwei Tage bereist hätten, fiel der Entschluss…ab nach Hause, und zwar über den Schwarzwald. Also flott über den Großen St. Bernhard nach Martigny und zielstrebig Richtung Deutschland. Nach der Überquerung des Rheins ging es dann auf kleinen und verwundenen Strecken in den Schwarzwald hinein. Dabei konnte das Wehratal oder besser die Wehraschlucht schwer beeindrucken. Dank Internet war auch schnell wieder ein echtes Juwel zum Schlemmen und Übernachten gefunden. Nach einem leckeren Essen klang der Tag bei einem Digestif und einem Zigarillo in einem bequemen Sessel vor dem Kamin aus. Morgen geht es auf direktem Wege nach Hause. Und wie immer, wenn wir unterwegs sind, wurden gleich die Pläne für die nächste Tour geschmiedet. Ab davon könnt ihr hier später lesen….