Motorrad-Tour durch Corona-Deutschland

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Es war eine Tour im Ausnahmezustand. Mitten in der größten Krise der Nachkriegsgeschichte unmittelbar nach dem Shutdown, die ersten Tage der Maskenpflicht, allein das war bemerkenswert.
Als hätte das nicht ausgereicht, wurden die beiden Tage im Dauerregen die extremste Härteprobe für die Regenausrüstung.
Fast wären dabei die schönen Landschaften der Rhön und des Harzes in den Hintergrund getreten.
Aber eben nur fast…
Die Tour geht über zwei Tage durch 5 Bundesländer, vom Oberschwäbischen Biberach über die Schwäbische Alb, die Rhön, Thüringer Wald und den Harz über das Weserbergland bis zum Beginn der Norddeutschen Tiefebene am Steinhuder Meer.

Distanz: 760 Kilometer
Fahrzeit: 2 Tage
GPX-Daten und Download: kurv.gr/bfsKD

Ein Schwabe fährt in die Rhön

Seit Wochen habe ich mich auf die erste Tour dieses Jahres vorbereitet. Vor allem meine Ausrüstung für schlechtes Wetter ist optimiert.
Deswegen ist es nicht weiter schlimm, dass ich mir ausgerechnet die erste Regenperiode am Ende eines langen und sonnigen Aprils für meine Tour nach Norden ausgesucht habe.

Die Voraussetzungen sind, trotz der Pandemieauflagen, optimal:

  • Ich bin als Erntehelfer im Einsatz, wie jedes Jahr, übrigens.
  • Als Motorradfahrer bin ich perfekt maskiert.
  • Mit fast 100.000 sturzfrei gefahrenen Kilometern seit 2012 ist mein Fahrstil äußerst defensiv.
  • Ich werde im Freien übernachten, auf irgend einem einsamen Parkplatz. Das ist selbst im diesbezüglich sehr restriktiven Deutschland erlaubt.
  • Ich werde nur beim Tanken anderen Menschen begegnen.

Über die Schwäbische Alb

Der Himmel ist stark bewölkt und es geht ein steifer Westwind, als ich am Morgen nach Norden aufbreche.

Südwestlich von Ulm überquere ich hinter Ersingen die Donau, welche den südseitigen Aufstieg zur Schwäbischen Alb markiert. Wäre nicht der tiefe landschaftliche Einschnitt der Blau bei Blaubeuren, man würde den stetigen Aufstieg über die hügelige, weite Landschaft gar nicht registrieren. Dort geht es über sportliche Serpentinen etwa 150m nach unten zur B28, auf welcher ich, vorbei am Ortskern, durch den Glasfels-Tunnel, auf der anderen Talseite wieder die Alb-Hochfläche erreiche.

Ich umfahre Ulm weiträumig auf einsamen Straßen. Auf der Hochfläche pfeift ein scharfer Westwind  und es macht Spaß, die Maschine durch leichte Körperkorrekturen auf Kurs zu halten. Die Luft ist frisch und sauber, aber es riecht nach Regen.

Hinter Amstetten ist es dann so weit: Die ersten dicken Tropfen fallen aus schwarzen Wolken und ich ziehe meine Regenkombi an. Immer wieder fahre ich durch extrem heftigen Niederschlag, der sich abwechselt mit sonnigen Abschnitten.

Aprilwetter!

In Mögglingen überquere ich die Rems, und verlasse damit offiziell die Schwäbische Alb. Was jetzt kommt nennt sich Ostalb.

Die Luft ist extrem klar, die Wolken machmal bedrohlich schwarz in bizarren Formen und die Fernsicht über die Hochebene scheint bis hinter den Horizont zu reichen. Immer wieder geht es vorbei an knallgelben Rapsfeldern, die betörende Duftfahnen aussenden. Das Herz schwingt im Takt zu den langezogenen Kurven diverser Kreisstraßen, die mich schnurstracks nach Norden führen.

Der Regen hat nachgelassen und ich mache den Fehler, und schäle mich aus der Hitze der Regenkombi.

Durch die Hohenlohe zum Main

Der nächste Regen lässt nicht lange auf sich warten, und so zwingt mich das Wetter in der Hohenlohe vor Söhnstetten wieder in die Gummihosen. Wir überqueren die Haller Ebene, die eigentlich gar nicht so eben ist und erreichen, mitten durch extreme Regenfronten,  bei Langenburg die Jagst und damit den fränkisch geprägten äußersten Nordosten Baden-Württembergs.

Mittlerweile prasselt der Regen durchgehend auf uns ein. Das Wasser drückt über die Scheibe und ein Sturzbach ergießt sich auf die Oberschenkel. Die Kurviger-Navigation ist unter der übergestülpten Plastiktüte nur noch schwer zu erkennen. Glücklicherweise ist das Design des Screens, trotz der Detailgetreue der Karte, so übersichtlich, dass ich die Abbiegepunkte nicht verpassen kann.
Hier passiere ich einen tollen Grillplatz, auf dem man auch bei gutem Wetter nicht hätte pausieren können. Gesperrt wegen der Coronapandemie.

Nach einem kleinen Weiler namens Sechselbach geht es endgültig hinüber ins bayerische Franken, bis nach zwei gefühlten Ewigkeiten im prasselnden Regen das Maintal bei Marktbreit auftaucht.

Vom Main zur Rhön

Das Wetter hat sich etwas beruhigt und es geht in kurzen sonnigen Abschnitten rechts den Main entlang nach Norden. Die Landschaft ist lieblich und es gibt richtig was zu sehen.

Bei der Planung meiner Kurviger-Route hatte ich mir die kleine Mainfähre von Mainsondheim nach Dettelbach zur Überquerung des Flusses ausgesucht. Dort angekommen stelle ich fest, dass die Uferböschung überraschend tief und steil ist. Das grobe Stollenpflaster ist nass und sieht gefährlich glatt aus. Kein Mensch zu sehen.
Nein, ich würde nicht riskieren, die 300kg der Maschine mitsamt Gepäck da runter zu werfen. Kurz entschlossen fahre ich nach Westen weiter, am Main entlang, um eine bessere Stelle für den Übergang zu finden.

Ich habe Glück. In Nordheim ist die Fähre hinüber nach Escherndorf ausgeschildert. Die Zufahrt ist geteert und die Auffahrt auf die Fähre, trotz des glitschigen Holzdecks, kein Problem. Die Überfahrt dauert nur Sekunden und vergeht mit dem Lösen des Fahrscheins für 1 EUR und dem Hantieren mit den Handschuhen schneller, als ich wieder aufsteigen kann.
Mit freundlichem Gruß verabschiedet der Fährmann seinen gefühlt einzigen Kunden des Tages. Außer mir ist weit und breit kein Kraftfahrzeug zu hören oder zu sehen.
Auf der anderen Seite lockt eine Picknickbank. Gegenüber ein Campingplatz, völlig leer, mit rotem Band abgesperrt.

Die Sonne ist plötzlich herausgekommen und brennt mir auf die Montur. Ich kippe die Integra auf den Seitenständer und ich schäle mich aus den Klamotten. Mein Koffer mit den Fressalien lockt und ich stelle meine Reichtümer auf den Picknick-Tisch.

So gestärkt geht es am linken Mainufer bergauf in die Weinberge und schon nach kurzer Zeit kommen die riesigen Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerkes Grafenrheinfeld in den Blick. Es ist schon erstaunlich, wie lange man fahren muss, bis man den Kolossen wirklich gegenüber steht! Die Anlage dient mittlerweile als atomares Zwischenlager für Abfälle, die noch weitere 50.000 Jahre strahlen werden.

Weiter geht es, auf zunehmend bolzgeraden Straßen, die schon fast an die Route 66 erinnern, entlang an der A71, unter bizarren Wolkenkaskaden, aus denen es immer wieder herunterschüttet, im Wechsel mit grellem Sonnenschein. Im Gegenlicht kommt das Sonnenschild meines neuen AFX-Helms zum ersten Mal zum Einsatz. Dass es permanent bergauf geht, Richtung Vorder-Rhön, das merkt man überhaupt nicht.

Ich erreiche Münnerstadt und umfahre kurz darauf Bad Neustadt an der Saale. Inzwischen geht es steil bergauf in die Rhön, bis auf 500m Höhe. Im einem wunderbaren Talkessel, umringt von Bergen fahre ich hinunter ins völlig ausgestorbene Bischofsheim. In Haselbach führt die Straße in engen Schwüngen hinauf zum Arnsberg.

Der abseits der Straße gelegene große Parkplatz in 680m Höhe, am verlassenen Skilift am Arnsberg, wird mein Nachtlager sein.

Von der Rhön ans Steinhuder Meer

Ich wache auf vom Gezwitscher der Vögel. Ich habe fest und tief geschlafen, eher untypisch für die erste Nacht im Freien. Es hat ziemlich abgekühlt, unter 10 Grad und es hat 100% Luftfeuchtigkeit.

Das Innenzelt ist nass vom Kondenswasser. Der Regen der Nacht ist an der Außenplane abgeperlt, alles trocken.

Mit steifen Knochen schwinge ich die Beine aus der Koje und im selben Moment rasen zwei aufgeschreckte Rehböcke an mir vorbei, fast in greifbarer Nähe.
Wahrscheinlich haben wir alle drei jetzt dasselbe Herzklopfen!

Nachdem das Getrappel der beiden wunderschönen Tiere im Wald verebbt ist, wird es wieder still und friedlich.

Auf zum Thüringer Wald

Ich lasse mir Zeit mit dem Packen, frühstücke noch ein wenig und lege dann mein Zeug zusammen.
Über mir ist der Himmel blau, aber im Süden droht schon die nächste Regenwand. Gerade als ich alles verstaut habe, beginnt es leicht zu nieseln.

Ich steige auf die völlig verdreckte Karre und hinab geht es in den steilen Tobel, hinunter nach Bischofsheim. Der Ort ist wieder menschenleer und ich fahre auf der anderen Seite des Kessels steil nach oben auf 500 Höhenmeter.

Schnell erreiche ich den Kreuzungspunkt mit der Abbiegung in die Hochrhönstraße. Den Kieslastzug vor mir überhole ich schnell und das ist auch gut so, denn die Straße wird zu einem Sträßchen, das in spannenden Serpentinen auf die Hochfläche der Langen Rhön führt. Die Anmutung der Landschaft erinnert stark an diejenige der Cevennen. Die schmal gewordene Straße ist jetzt weit einsehbar und ohne enge Kurven, was dem Fahrspaß aber keinen Abbruch tut. Die Aussicht über die Hochebene weit hinein nach Thüringen ist trotz der am Horizont tief hängenden Wolken atemberaubend schön.

Kurz vor Fladungen biege ich links ab und überquere den kleinen Zipfel des Bundeslandes Thüringen, in welchem der kleine Flecken Frankenheim liegt. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Ort einst abgeschlossen vom Rest der Welt hinter dem Stacheldraht der DDR eingeschlossen war. Auf der anderen Seite des Ortes ein Hinweisschild, welches den Übergang nach Hessen markiert.

Es geht stetig bergab an der ehemaligen Zonengrenze entlang. Nichts erinnert in dieser völlig unberührten Landschaft, dass sich hier einmal die am schärfsten bewachte Grenze der Welt befand. In Geisa befinde ich mich schon wieder in Thüringen und dort befindet sich auch eine der wichtigsten Gedenkstätten der ehemaligen Grenze, der Point Alpha.

Auf gut ausgebauten, aber trotzdem einsamen Straßen geht es weiter nach Norden. Das Wetter wird zunehmend sonnig. Die Wolkenformationen reißen auf und zeichnen bizarre Bilder in den tiefblauen Himmel. Bald treffe ich auf die A4, welche das nördliche Ende der Rhön markiert. Ich folge ihr ein paar km nach Osten, hinüber zum nördlichsten Zipfel des Thüringer Waldes. Der LKW Verkehr ist unangenehm dicht, nur wenige PKWs sind dazwischen.

Durch den Harz

Vor Gerstungen geht es ab von der Autobahn und hinter Germerode steil nach oben auf das Meißner Hochplateau, wo links von der Straße auf 750m die Kasseler Kuppe liegt.

Kurz vor dem thüringischen Heiligenstadt befindet sich der Tankinhalt auf gefährlichem Tiefstand, und in einem kleinen Ort namens Uder finde ich die wahrscheinlich billigste Tankstelle Deutschlands. Mit sagenhaften 13 EUR bekomme ich den 15-l-Tank wieder randvoll.

Ich betrete den Kassenraum mit aufgesetztem Helm und Gesichtsschutz.
Habe ich in früheren Zeiten so etwas immer eher vermieden, um nicht für einen Tankstellenräuber gehalten zu werden, tue ich das jetzt mit dem Gefühl, meinen Mitmenschen den maximalen Schutz vor Ansteckung bieten zu können. Ich gehöre nun zu den Guten!
Billig Tanken, vermummt rumlaufen dürfen…
Nicht alles was als Katastrophe daherkommt, muss auch eine sein. Meine schwäbische Seele jedenfalls ist höchst zufrieden.

Bei Weißenborn wechsle ich wieder über die ehemalige Deutsch-Deutsche Grenze. Dieses Mal nach Niedersachsen. Ich biege ab auf den Parkplatz direkt an der Straße mit historischem Wachturm aus DDR-Zeiten. Wenig später lädt ein Wegweiser zum Abstecher ins Genzlandmuseum Eichsfeld ein.

Bei schönstem Sonnenschein erreiche ich die imposante Talbrücke der B243 vor Bad Lauterberg. Die Südflanke des Harzes liegt direkt vor mir. Hinter Bad Lauterburg geht es stetig berauf, durch den Wald, bis nach St. Andreasberg, wo ich hinter Sonnenberg eine Scheitelhöhe von knapp 800m Höhe erreiche.

Das Wetter kippt. Aus pechschwarzen Wolken fällen die ersten dicken Tropfen und ich werfe mich in meine Regenklamotten.Auf den nächsten Kilometern beginnt es zu schütten und eigentlich wäre jetzt das Höhlenerlebniszentrum – Iberger Tropfsteinhöhle mit seiner Cafeteria der ideale Unterstand für eine Kaffeepause. Natürlich ist die Einrichtung geschlossen, der Parkplatz verwaist.

Auf der linken Seite der Straße kommt mir ein platschnasser Vierbeiner entgegengetrottet.
Ein Fuchs!
Ich halte an, aber er interessiert sich nicht im Geringsten für mich.
Als ich ihn filmen will bewegt er sich verärgert hinter die Leitplanke, mustert mich noch einmal mit einem vorwurfsvollen Blick und ist verschwunden.

Durchs Weserbergland ans Steinhuder Meer

Es geht stetig bergab und mit dem Verlassen des Waldes lasse ich den Harz hinter mir. Analog zu den Höhenmetern hat auch der Niederschlag abgenommen und nach dem Passieren von Alfeld an der Leine werden die ersten blauen Flecken am Himmel sichtbar.

Das Weserbergland ist für süddeutsche Begriffe nicht wirklich bergig. Es handelt sich um die ersten Erhebungen hinter der norddeutschen Tiefebene in südlicher Richtung. Der Blick ist frei, die Landschaft weit und auch die Nebenstraßen, auf denen ich mich bewege sind weitgehend gerade.

Es macht Freude, hier Richtung Norden zu cruisen und Ortschaften wie Eldagsen oder Bad Münder am Deister sind eine willkommene Abwechslung, um im Stadtverkehr nebenher die historischen Gebäude zu bewundern. So erreiche ich bei tiefstehender Sonne mein Tourenziel: Die Norddeutsche Tiefebene mit dem Steinhuder Meer.

Strandpromenade in Steinhude, Tortuosa / CC BY-SA 3.0